Das Haus der Wissenschaften betreibt zwei praxisorientierte Forschungsschwerpunkte, an denen Theorie auf Wirklichkeit trifft.
Was auf einer Baustelle geschieht, ist unter anderem ein soziales Ereignis. Jürgen Habermas eröffnete in seiner Theorie des kommunikativen Handelns (1981) eine seitenlange Analyse eines alltäglichen Moments unter Bauarbeitern: Der erfahrene Kollege schickt den Neuen zum Bierholen – eine scheinbar banale Geste, die Habermas als komplexes Geflecht aus Hierarchie, Zeitstruktur, räumlichem Kontext und informeller Norm liest. Sein Punkt war kein anekdotischer: Die einfachsten Koordinationshandlungen auf einer Baustelle sind bereits von sozialer Struktur durchdrungen – von dem, was er die „Lebenswelt“ nennt, den geteilten Hintergrundannahmen, innerhalb derer jedes Handeln stattfindet (Habermas, 1981). Dieses Projekt nimmt diese Beobachtung ernst. Das Gebäude ist ein Labor nicht nur für Materialien und Methoden, sondern auch für die sozialen Prozesse, die Bauen ermöglichen – oder, wenn sie scheitern, unmöglich machen.
Realitätsnahe Erprobung & Konstruktion
Dieses Programm richtet sich an alle, die bauen, testen und optimieren wollen. Wir nutzen das Hausgelände als Labor für angewandte experimentelle Forschung und testen neue Konstruktionsmethoden sowie Designideen im Maßstab 1:1. Anstatt nur Pläne zu zeichnen, setzen wir sie um. Wir suchen stetig nach Partnern, die uns bei der Durchführung der nächsten Bauphase vor Ort unterstützen – schau dir unsere aktuellen Prototypen an und finde heraus, wo du dich einbringen kannst.
Das Residenz-Forschungs-Programm
Unsere Programmschiene für vertiefende akademische Forschung richtet sich an Studierende, die direkt vor Ort leben. Das Haus wird so zu einem Rund-um-die-Uhr-Knotenpunkt für persönliche Projekte, Auftragsstudien und Gründungskonzepte. Es ist fachübergreifend, dynamisch und darauf ausgelegt, der nächsten Generation von Fachkräften den entscheidenden Vorsprung zu verschaffen. Wir schlagen die Brücke zwischen Wirtschaftspsychologie, Gestaltung und Management und konzentrieren uns auf Bereiche wie:
Gehirngerechte Räume & Intelligente Privatsphäre ↙︎
- Belastungsfreie Gestaltung: Wir erforschen Wege, Räume so zu gestalten, dass Menschen sich darin wohler fühlen und geistig beweglicher arbeiten können.
- Heimvernetzung eigenhändig anpassen: Die Einbindung von Technik in unseren Wohnraum, ohne dabei alle Daten preiszugeben oder die Privatsphäre zu opfern.
- Taktile Umgebungen & Fokus: Tests darüber, wie verschiedene Oberflächen, Lichtkonzepte und Raumaufteilungen die Konzentration natürlich fördern können – ganz ohne „Produktivitäts-Apps“.
Moderne Wirtschaftswelt & Berufliche Zukunftsfähigkeit ↙︎
- Post-Wachstum & Alternative Karrieren: Entwicklung von Geschäftsmodellen für Menschen, die lieber eigenverantwortlich oder in kleinen, wandlungsfähigen Teams arbeiten möchten, statt in Großkonzernen.
- Die Kompetenz-Schmiede: Forschung darüber, wie junge Profis verschiedene Talente kombinieren können (z. B. Programmieren + Psychologie + Schreinerei), um in einem unbeständigen Arbeitsmarkt unersetzbar zu bleiben.
- Wirkungsorientierte Unternehmungen: Aufbau von Betrieben, die echte Probleme lösen oder Gemeinschaften helfen, während sie gleichzeitig tragfähig genug sind, um zu expandieren.
Improvisiertes Bauen & Regionale Technik ↙︎
- Aufwertung & Material-Wiedergeburt: Wir gehen über klassische „Nachhaltigkeit“ hinaus und finden kluge Wege, Abbruchabfälle und vorhandene Stoffe in hochwertige Architektur zu verwandeln.
- Hausgemachte Künstliche Intelligenz: Entwicklung lokalisierter Wissenssysteme für Bildungskontexte und Erstellung smarter Werkzeuge für selbstgesteuertes Lernen.
- Gemeinwohlorientiertes Unternehmertum & Ethische Führung: Analyse von Geschäftsmodellen, die soziale und ökologische Verantwortung gleichberechtigt neben die wirtschaftliche Beständigkeit stellen.

Das Gebäude dient als Beispiel und Prototyp für die kurz- und langfristige Erprobung verschiedener Fassadenmodule. Eine Option sieht den Ersatz von Glasfenstern durch Fassadenelemente aus mehreren Lagen handelsüblicher Kunststofffolie vor, die etwa 0,013 mm dick und bis zu 2,75 m breit ist. Dies birgt neue Herausforderungen, insbesondere hinsichtlich Schall- und Wärmedämmung sowie Kondensation zwischen den Folienschichten. Auch der Austausch und die Reparatur transparenter Folienschichten (z. B. bei Beschädigung, Flecken oder Verschmutzung) sind zu berücksichtigen. Zu den Vorteilen zählen eine deutliche Reduzierung der grauen Energie, der Kosten und des Gewichts. Da die praktische Umsetzbarkeit des Konzepts derzeit noch unklar ist, schlägt Ansgar Halbfas vor, dass Doktoranden den Bau des Prototyps kritisch begleiten, um dessen Machbarkeit zu prüfen.