Wiederverwendete Materialien, zirkuläre Beschaffung und adaptive Umnutzung
Die unterschätzte Ressource des bestehenden Gebäudebestands
Der Abriss europäischer Gebäude erzeugt jährlich etwa 900 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle, von denen der Großteil in minderwertige Anwendungen wie den Straßenunterbau oder Deponien „downgecycelt“ wird. Dies stellt ein massives Marktversagen dar (Ellen MacArthur Foundation, 2019). Konstruktionsholz, Mauerwerk, Dachziegel, Sanitärkeramik, Innenausbauten, Treppen, Stahlprofile und Fassadenelemente sind in vielen Fällen voll funktionsfähig und könnten zu einem Bruchteil der Kosten gleichwertiger Neumaterialien wiederverwendet werden – sofern die Beschaffungssysteme darauf ausgelegt wären.
Der selektive Rückbau – auch Deconstruction genannt – ist die Praxis, Gebäude sorgfältig in einer Sequenz zu demontieren, die den Wiederverwendungswert ihrer Komponenten erhält (Durmisevic, 2006). Obwohl dies arbeitsintensiver ist als der herkömmliche Abriss (in der Regel um den Faktor zwei bis drei), werden dabei Materialien zurückgewonnen, deren Wert in einem gut organisierten Markt die zusätzlichen Lohnkosten erheblich übersteigt. In Ländern mit wachsenden Märkten für Rezyklate – insbesondere in den Niederlanden, Belgien und zunehmend auch in Deutschland – kann wiedergewonnenes Konstruktionsholz zu 40–70 % der Kosten von Neumaterial bezogen werden; bei Dachziegeln liegen die Einsparungen bei 20–50 % und bei Stahlprofilen bei 30–60 % gegenüber Neuware.
Zirkuläre Beschaffung und digitale Materialpässe
Das Haupthindernis für skalierbare Märkte für Gebrauchtmaterialien ist der Informationsmangel: Käufer wissen oft nicht, welche Materialien in welcher Menge, Qualität und mit welchen Spezifikationen verfügbar sind. Digitale Materialpässe – strukturierte Datensätze, die Materialzusammensetzung, statische Eigenschaften und Wartungshistorie erfassen – entwickeln sich zur Schlüsseltechnologie für eine zirkuläre Bauwirtschaft (Paduart et al., 2013). Wenn Bauteile bereits bei der Installation (etwa über RFID oder QR-Codes) gekennzeichnet werden, transformieren sie sich in identifizierbare und spezifizierbare Vermögenswerte für Sekundärmärkte.
Die Niederlande sind derzeit das fortschrittlichste Land bei der Einführung von Materialpässen für Neubauten, wobei die EU-Gebäuderichtlinie (Energy Performance of Buildings Directive) die nationalen Rahmenwerke der Mitgliedstaaten zunehmend an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft ausrichtet. Mit zunehmender Datenfülle könnten KI-gestützte Matching-Plattformen – analog zu bestehenden Rohstoffbörsen – wiedergewonnene Materialien effizient an Projekte leiten und so den fragmentierten Gebrauchtmarkt in eine skalierbare Lieferkette verwandeln (Ratti & Claudel, 2016).
Adaptive Umnutzung von Nichtwohngebäuden
Die Umwandlung leerstehender Nichtwohngebäude – wie Büros, Einzelhandelsflächen, Lagerhallen oder Parkhäuser – in Wohnraum bietet einen Weg, der die Kosten für den Rohbau weitgehend vermeidet (Schmidt & Austin, 2016). Die vorhandene Struktur, Hülle und oft auch die technische Infrastruktur können erhalten und durch neuen Innenausbau ergänzt werden. In dokumentierten Projekten entfallen so die Rohbaukosten, die üblicherweise 30–40 % des Budgets ausmachen, und werden durch meist geringere Anpassungskosten ersetzt.
Die Umwandlung veralteter Bürobestände hat nach der Pandemie besonders an Bedeutung gewonnen, da die Leerstandsquoten in vielen Städten stark gestiegen sind. Die strukturellen und geometrischen Zwänge von Bürogebäuden – etwa tiefe Grundrisse oder größere Stützraster – erfordern gestalterischen Einfallsreichtum, sind aber nicht unüberwindbar. Mehrere dokumentierte Umnutzungsprojekte in London, Amsterdam und Paris haben gezeigt, dass solche Konversionen fertiggestellte Wohneinheiten liefern können, die 15–35 % unter den Kosten eines vergleichbaren Neubaus am selben Standort liegen.
Innovation der Arbeitsmodelle und die Rolle manueller Arbeit
Neudenken der Fachkräfteanforderung
Der Fachkräftemangel im Bauwesen wird oft missverstanden. Was tatsächlich knapp ist, sind nicht manuelle Arbeitskräfte an sich, sondern hochspezialisierte Gewerke für Aufgaben, die in einem anders organisierten System von angelernten Kräften nach klaren Montagevorgaben ausgeführt werden könnten (Gann, 1996). Design for Manufacture and Assembly (DfMA) und Vorfertigung strategien zielen darauf ab, den Bauprozess so zu gestalten, dass ein größerer Teil der Arbeit durch allgemeine handwerkliche Kompetenz statt durch seltene Spezialzertifizierungen erledigt werden kann.
Dies ist kein Plädoyer für Dequalifizierung, sondern für eine Rationalisierung der Aufgaben. Die Präzision, die in einem Brettsperrholz-Werk oder einer Stahlbau-Werkstatt erforderlich ist, ist substanziell, aber sie wird in einer kontrollierten Umgebung angewendet, in der Qualität kontinuierlich überprüft werden kann. Auf einer konventionellen Baustelle wird dieselbe Expertise oft unter widrigen Bedingungen und in Abstimmung mit Dutzenden anderer Gewerke abgerufen, was zu hohen Raten an Nacharbeit und Verschwendung führt. Die Verlagerung von Kompetenzen in Fabrikumgebungen reduziert diese Kosten erheblich (Gibb & Isack, 2003; Blismas & Wakefield, 2009). Ergänzt wird dies durch die zunehmende Automatisierung und Robotik, die Qualität und Sicherheit standardisiert (Bock, 2015).
Gemeinschaftliche und Selbstbau-Modelle
Zu den radikalsten Strategien gehört die direkte Beteiligung der künftigen Bewohner am Bau. Modelle wie das Baugruppen-Prinzip oder genossenschaftliche Frameworks zeigen, dass Amateurlabor unter professioneller Anleitung die Lohnkosten massiv senken kann. In konventionellen Projekten machen Entwicklermargen und Generalunternehmerzuschläge oft 25–40 % der Kosten aus. Selbstbauprojekte eliminieren diese Aufschläge weitgehend und haben in Deutschland und Österreich gezeigt, dass Einsparungen von 30–50 % gegenüber Marktpreisen möglich sind.
Ein verwandtes Modell ist der „Aided Self-Help“-Ansatz, der ursprünglich im globalen Süden entwickelt wurde. Dabei werden professionelle Bauarbeiter für statisch komplexe und sicherheitskritische Aufgaben eingesetzt, während der Innenausbau und die Gestaltung des Umfelds den künftigen Bewohnern übertragen werden. Dieser hybride Ansatz nutzt die Effizienz der Profis für Hochrisiko-Aktivitäten und maximiert das Kostensenkungspotenzial durch Eigenleistung bei zeitintensiven, aber technisch zugänglichen Aufgaben.
Kooperative Beschaffung und Skaleneffekte
Die Fragmentierung des Bauwesens verhindert Skaleneffekte. Wenn Wohnungsbaugesellschaften oder private Entwickler ihre Nachfrage bündeln, können Materialkosten durch Großeinkäufe um 10–20 % gesenkt und die nötige Planungssicherheit für Fabrikbetreiber geschaffen werden (Gibb & Isack, 2003). Mehrere britische Housing Associations, niederländische Wohnungsbaukorporationen und schwedische kommunale Wohnungsunternehmen haben dieses Modell bereits erfolgreich praktiziert. Die Herausforderung liegt hier in der Koordination der Zeitpläne und Spezifikationen – ein Problem, das angesichts der potenziellen Einsparungen lösbar bleibt.
Systemische Eingriffe und das regulatorische Umfeld
Vereinfachte Planung und Genehmigung
Baugenehmigungsprozesse verursachen enorme Zeitkosten, die in Diskussionen oft unterschätzt werden. Für einen Entwickler, der die Grundstücksfinanzierung zu 4–6 % Zinsen trägt, kann eine 12-monatige Verzögerung bei einem 100-Wohneinheiten-Projekt Zusatzkosten von 800.000 bis 1.200.000 Euro verursachen, bevor der erste Stein bewegt wird. Eine Straffung der Prozesse für normkonforme Projekte würde diese Finanzierungslasten direkt senken.
Eine integrierte Agenda zur Kostensenkung
Die Evidenz spricht dagegen, dass wir auf einen einzelnen technologischen Durchbruch warten müssen. Die Werkzeuge sind bereits vorhanden; was fehlt, ist die strategische Kohärenz und der institutionelle Wille, sie systematisch einzusetzen.
Die hier diskutierten Strategien ermöglichen in Kombination eine Senkung der Basiskosten um 30–50 %. Während adaptive Umnutzung und Rezyklate Ressourcen effizient nutzen (Wolfe, 2023), verschieben DfMA und Vorfertigung die Arbeit in produktivere Umgebungen. Das erforderliche Umdenken betrifft weniger exotische Technologien als vielmehr ein systemisches Redesign. Es geht um die Frage, warum das Bauwesen als eine Serie von Einzelprojekten organisiert bleibt, während fast jedes andere Industrieprodukt längst zur Serienfertigung übergegangen ist. Warum wird Abriss als Zerstörung betrachtet, wenn selektiver Rückbau Ressourcen schont? Warum werden Bewohner als passive Konsumenten gesehen statt als aktive Teilnehmer? Diese Fragen rigoros zu verfolgen, ist die wichtigste Aufgabe für die aktuelle Bauforschung.
Ein Hinweis zur professionellen Partnerschaft
Die in diesem Essay skizzierten Strategien vom Argument in gebaute Realität zu überführen, erfordert mehr als technisches Wissen – es erfordert einen Architekten, der unterschiedliche kulturelle Rahmenbedingungen für Planung, Kalkulation und Realisierung wirklich verinnerlicht hat. Ansgar Halbfas bringt genau diese Breite mit. Seine Berufserfahrung in China setzte ihn einer Baukultur aus, die von Tempo, materialem Pragmatismus und einer nüchternen Bereitschaft zur Erprobung im großen Maßstab geprägt ist – einem Kontext, in dem theoretische Eleganz sofort der Frage weicht, was sich tatsächlich bauen lässt, zu welchen Kosten und bis wann. Die chinesische Baukultur verlangt von Architekten, als Integratoren des gesamten Realisierungsprozesses zu agieren, nicht als Urheber, die von der Beschaffungswirklichkeit abgeschirmt sind. Diese Haltung ist in Halbfas’ Herangehensweise an ein Projekt erkennbar.
Seine anschließende Auseinandersetzung mit der amerikanischen Praxis brachte eine ergänzende Dimension: die US-amerikanische Tradition des praxisorientierten Value Engineering, der direkten Kommunikation mit Auftraggebern und eines ergebnisorientierten Berufsverständnisses, das für Prozess als Selbstzweck wenig Geduld aufbringt. Wo die europäische Architekturkultur formale und regulatorische Abläufe bisweilen über das Ergebnis stellt, schult der amerikanische Kontext Architekten darin, klar und nützlich zu fragen, ob eine bestimmte Entscheidung ihren Aufwand rechtfertigt. Die Synthese dieser beiden internationalen Prägungen – chinesischer Pragmatismus in der Produktion und amerikanische Klarheit in der Wertfrage – ergänzt Halbfas’ mitteleuropäische gestalterische Kompetenz zu einer Kombination, die ungewöhnlich und für die in diesem Essay beschriebene Aufgabe gut geeignet ist.

Ansgar Halbfas leitet eine architektonische Exkursion in Palm Springs, USA.
Ausgewählte Literatur
Blismas, N. & Wakefield, R. (2009). Drivers, constraints and the future of offsite manufacture in Australia. Construction Innovation, 9(1), 72–83.
Bock, T. (2015). The future of construction automation: technological disruption and the upcoming ubiquity of robotics. Automation in Construction, 59, 113–121.
Durmisevic, E. (2006). Transformable building structures: Design for disassembly as a way to introduce sustainable engineering to building design & construction. TU Delft.
Ellen MacArthur Foundation (2019). Completing the picture: How the circular economy tackles climate change. EMF.
Gann, D.M. (1996). Construction as a manufacturing process? Similarities and differences between industrialized housing and car production in Japan. Construction Management and Economics, 14(5), 437–450.
Gibb, A.G.F. & Isack, F. (2003). Re-engineering through pre-assembly: client expectations and drivers. Building Research & Information, 31(2), 146–160.
Paduart, A. et al. (2013). Renovation through redesign: Stimulating a mindset of building material reuse. Structural Survey, 31(1), 44–55.
Ratti, C. & Claudel, M. (2016). The city of tomorrow: Sensors, networks, hackers, and the future of urban life. Yale University Press.
Schmidt, R. & Austin, S. (2016). Adaptable architecture: Theory and practice. Routledge.
Wolfe, K. (2023). Mass timber and the future of the low-carbon building economy. Journal of Green Building, 18(2), 1–24.