Rückgewonnene Materialien, zirkuläre Beschaffung und Umnutzung
Der unterschätzte Wert des Gebäudebestands
Der europäische Gebäudeabriss erzeugt jährlich rund 900 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle, von denen der Großteil in minderwertigen Anwendungen wie Straßenunterbau oder Deponierung endet. Das ist ein gravierendes Marktversagen. Tragendes Holz, Mauerwerk, Dachziegel, Sanitärausstattung, Innentüren und -treppen, Stahlträger sowie Fassadenelemente aus abgebrochenen Gebäuden sind in vielen Fällen voll funktionstüchtig und könnten zu einem Bruchteil der Kosten gleichwertiger Neuware wiederverwendet werden – wenn die Beschaffungssysteme entsprechend organisiert wären.
Selektiver Rückbau – auch als Dekonstruktion bezeichnet – ist die sorgfältige Demontage von Gebäuden in einer Abfolge, die den Wiederverwendungswert der Bauteile erhält, anstatt die Substanz einfach zu zerkleinern. Er ist arbeitsintensiver als konventioneller Abriss – in der Regel um den Faktor zwei bis drei –, gewinnt jedoch Materialien zurück, deren Wert auf einem gut organisierten Markt die zusätzlichen Arbeitskosten deutlich übersteigt. In Ländern, in denen dieser Markt entsteht – insbesondere in den Niederlanden, Belgien und in geringerem Maß in Deutschland – lässt sich rückgewonnenes Bauholz zu 40–70 % der Kosten gleichwertiger Neuware beschaffen; rückgewonnene Tondachziegel zu 20–50 %; rückgewonnene Stahlprofile zu 30–60 % unter Neupreis.
Zirkuläre Beschaffung und digitale Materialpässe
Das zentrale Hindernis für skalierbare Märkte für Rückbaumaterialien ist Informationsmangel: Käufer können nicht zuverlässig wissen, welche Materialien in welchen Mengen, in welchem Zustand und mit welchen Leistungseigenschaften verfügbar sind. Digitale Materialpässe – strukturierte Datensätze, die Bauteilen zugeordnet sind und deren Materialzusammensetzung, statische Eigenschaften und Wartungsgeschichte dokumentieren – entwickeln sich zur Schlüsseltechnologie für eine zirkuläre Baustoffbeschaffung. Wenn Bauteile bei der Installation gekennzeichnet werden (per RFID, QR-Code oder anderen Identifikationssystemen) und ihre Passdaten in Gebäudemanagementsystemen gepflegt werden, werden sie zu identifizierbaren und ausschreibbaren Gütern auf Sekundärmärkten.
Die Niederlande sind das am weitesten entwickelte Land, das Materialpässe für den Neubau vorschreibt; die EU-Gebäuderenovierungsrichtlinie richtet die Rahmenbedingungen der Mitgliedstaaten zunehmend an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft aus. Mit wachsendem Datenbestand könnten KI-gestützte Matching-Plattformen – vergleichbar mit bestehenden Holz- oder Stahlhandelsbörsen – rückgewonnene Materialien effizient zu geeigneten Projekten leiten und einen derzeit fragmentierten, informellen Sekundärmarkt in eine funktionierende, skalierbare Lieferkette für den Wohnungsbau verwandeln.
Umnutzung von Nichtwohngebäuden
Die Umwandlung leerstehender Nichtwohngebäude – Büros, Einzelhandel, Industriehallen, Parkhäuser – in Wohnraum bietet einen Weg zur Wohnraumproduktion, der die Kosten für neue Tragkonstruktionen weitgehend vermeidet. Die vorhandene Konstruktion, Hülle und häufig auch die Gebäudetechnik können übernommen und angepasst werden, während ein neuer Wohnungsausbau in die bestehende Hülle eingefügt wird. In dokumentierten Umbauprojekten entfallen die Kosten für Tragwerk und Fassade, die im Neubau typischerweise 30–40 % des Budgets ausmachen, weitgehend – ersetzt durch die in der Regel geringeren Kosten für Umbau und Anpassung.
Die Umwandlung von Bürogebäuden in Wohnraum hat seit der Pandemie besondere Aufmerksamkeit erlangt, da die Leerstandsquoten in vielen europäischen und nordamerikanischen Innenstädten stark gestiegen sind. Die konstruktiven und geometrischen Einschränkungen von Bürogebäuden – typischerweise tiefe Grundrisse und größere Stützenabstände als für Wohnnutzung ideal – erfordern gestalterisches Geschick, sind aber lösbar. Mehrere dokumentierte Umbauprojekte in London, Amsterdam und Paris belegen, dass Büro-zu-Wohnungs-Konversionen fertige Einheiten zu 15–35 % unter den Kosten vergleichbaren Neubaus auf demselben Grundstück liefern können.
Innovation bei Arbeitsmodellen und die Rolle manueller Arbeit
Den Fachkräftebedarf neu denken
Die hartnäckige Einordnung des Arbeitsproblems in der Baubranche als Fachkräftemangel beschreibt eine komplexere strukturelle Herausforderung ungenau. Was tatsächlich knapp ist, ist nicht manuelle Arbeit an sich, sondern bestimmte zertifizierte Gewerke, die zu Gatekeepern für Aufgaben geworden sind, die in einem anders organisierten Produktionssystem auch von angelernten Arbeitskräften nach klar definierten Montageverfahren ausgeführt werden könnten. DfMA- und Vorfabrikationsstrategien sind zu einem wesentlichen Teil Strategien zur Reorganisation des Bauprozesses, sodass ein größerer Anteil der Arbeiten von Personen mit allgemeiner handwerklicher Kompetenz – statt spezieller Gewerkequalifikation – ausgeführt werden kann.
Das ist kein Argument für Dequalifizierung – es ist ein Argument für Aufgabenrationalisierung. Die Präzision und Fachkenntnis, die in einer CLT-Plattenfertigung oder einem Stahlbauwerk gefragt sind, ist beträchtlich – aber sie wird unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt, wo sie produktiv genutzt und die Qualität laufend überprüft werden kann. Auf einer konventionellen Baustelle wird dasselbe Maß an Fachkompetenz episodisch, unter ungünstigen Bedingungen und im Zusammenspiel mit Dutzenden anderer Gewerke eingesetzt – mit hohen Nacharbeitsquoten und Materialverschwendung. Die Reorganisation von Ort und Zeitpunkt des Fachkräfteeinsatzes – Konzentration in der Fabrik, Reduzierung auf der Baustelle – ist eine strukturelle Kostensenkungsstrategie erheblichen Ausmaßes.
Gemeinschaftliches Bauen und Selbstbau
Eine der radikalsten und am häufigsten übersehenen Strategien zur Senkung von Wohnbaukosten ist die direkte Beteiligung künftiger Bewohner am Bau ihrer eigenen Häuser. Die Selbstbau- und Gemeinschaftsbaumodelle, die in Österreich, Deutschland und Skandinavien im Rahmen von Baugruppen und Genossenschaftsprojekten fest etabliert sind, zeigen, dass Laienkräfte – wenn sie gut organisiert, angeleitet und mit geeigneten Aufgaben betraut werden – sinnvoll zur Bauleistung beitragen können, zu Arbeitskosten nahe null.
Die wirtschaftliche Logik ist einfach: Bei einer konventionellen Wohnbauentwicklung addieren sich die Marge des Projektentwicklers, die Marge des Bauunternehmers und der in Nachunternehmerpreisen enthaltene Gewinn zu 25–40 % der reinen Baukosten. Gemeinschaftliche Selbstbauprojekte eliminieren oder komprimieren alle drei deutlich. Die organisatorischen und rechtlichen Anforderungen sind nicht trivial – sie erfordern Projektmanagement-Kompetenz, Versicherungsrahmen und das Engagement der Beteiligten –, aber wo diese Voraussetzungen erfüllt sind, liefern dokumentierte Projekte in Deutschland und Österreich fertige Wohnungen zu 30–50 % unter vergleichbaren Marktkosten.
Ein verwandtes Modell, der begleitete Selbsthilfebau, wie er im Globalen Süden entwickelt wurde und zunehmend für die Aufwertung informeller Siedlungen in europäischen Städten relevant wird, setzt professionelle Kräfte für statisch komplexe und sicherheitskritische Arbeiten ein, während Fertigstellung, Außenanlagen und nicht tragende Ausbauten durch künftige Bewohner erfolgen. Dieser Hybridansatz verbindet die Effizienz professioneller Arbeit bei risikorelevanten Tätigkeiten mit dem Kostensenkungspotenzial nichtprofessioneller Arbeit bei zeitintensiven, technisch zugänglichen Aufgaben.
Kooperative Beschaffung und Skaleneffekte
Die Fragmentierung der Wohnbaubeschaffung – bei der einzelne Projektentwickler für jedes Projekt separat mit Unternehmen und Nachunternehmern verhandeln – verschenkt systematisch die Skaleneffekte, die Fabrikproduktion und langfristige Lieferkettenpartnerschaften erst wirtschaftlich machen. Kooperative Beschaffungsrahmen, bei denen mehrere Wohnungsbaugesellschaften, Kommunen oder private Entwickler ihren Bedarf bündeln und gemeinsam ausschreiben, können durch Mengeneinkauf Materialkostensenkungen von 10–20 % erzielen und schaffen die Planungssicherheit, die Hersteller und Spezialunternehmen für Investitionen in Produktionskapazitäten benötigen.
Mehrere britische Wohnungsbaugesellschaften, niederländische Sozialwohnungsunternehmen und schwedische kommunale Wohnungsgesellschaften haben dieses Modell in der Praxis erprobt. Die Herausforderung liegt in der Abstimmung von Zeitplänen, Leistungsbeschreibungen und Governance-Strukturen verschiedener Auftraggeber – ein Koordinationsproblem, das real, aber lösbar ist, wenn die möglichen Einsparungen groß genug sind, um zur Zusammenarbeit zu motivieren.
Systemische Eingriffe und das regulatorische Umfeld
Vereinfachte Planung und Genehmigung
Baugenehmigungsverfahren in den meisten europäischen Ländern verursachen Zeitkosten – durch Planungsunsicherheit, Planungsiterationen und Verzögerungen des Baubeginns –, die in Kostendiskussionen selten quantifiziert werden, in der Praxis aber erheblich sind. Für einen Projektentwickler, der eine Grundstücksfinanzierung zu 4–6 % Jahreszins trägt, kann eine zwölfmonatige Verzögerung bei einem 100-Einheiten-Projekt bis zu 1,2 Millionen Euro an Finanzierungskosten verursachen, bevor der erste Stein gesetzt wurde. Die Vereinfachung von Genehmigungsverfahren für Wohnbauprojekte, die den geltenden Bauleitplänen entsprechen, sowie verbindliche Bearbeitungsfristen für Behörden würden diese Finanzierungskostenlasten direkt reduzieren.
Für eine integrierte Kostensenkungsstrategie
Was die Befundlage nicht stützt, ist die Schlussfolgerung, dass Kostensenkung im Wohnungsbau einen einzelnen technologischen Durchbruch abwarten muss. Die Instrumente sind im Wesentlichen bereits verfügbar. Was bislang fehlte, ist die strategische Kohärenz, politische Abstimmung und institutionelle Bereitschaft, sie systematisch einzusetzen. Je drängender die Wohnkostenkrise wird und je größer ihre politische Bedeutung, desto besser werden die Voraussetzungen für entschlosseneres Handeln.
Die Senkung von Wohnbaukosten ist kein Problem fehlender Technologie – es ist ein Problem fehlender Integration. Die in diesem Essay besprochenen Strategien stehen zusammen für eine mögliche Kostensenkung von 30–50 % gegenüber dem Baukostenniveau in europäischen und vergleichbaren Märkten – erreichbar mit Kombinationen von Ansätzen, die technisch bereits erprobt sind. Designrationalisierung und DfMA-Prinzipien eliminieren Komplexitätskosten an der Quelle. Vorfabrikation und digitale Fertigung verlagern Arbeit in produktivere Umgebungen. Rückgewonnene Materialien und Umnutzung lenken vorhandene Ressourcen aus dem Abfallstrom in neue Wohnproduktion. Gemeinschaftsbau und kooperative Beschaffung reorganisieren die Projektökonomie. Und vereinfachte Genehmigungsverfahren beseitigen die unsichtbaren, aber erheblichen Kosten von Verzögerung und Planungsunsicherheit.
Das geforderte Querdenken gilt weniger exotischer Technologie als systemischer Neugestaltung. Es stellt die Frage, warum der Wohnungsbau weiterhin als Abfolge von Einzelprojekten auf der Baustelle organisiert ist, während nahezu alle anderen Industriegüter längst in die Serienproduktion übergegangen sind. Es fragt, warum Abriss als destruktiv gilt, obwohl selektiver Rückbau Materialien zu einem Bruchteil der Neubaukosten zurückgewinnen könnte. Es fragt, warum künftige Bewohner als passive Konsumenten von Wohnraum gelten und nicht als aktive Beteiligte seiner Herstellung. Diese Fragen haben keine technisch komplexen Antworten. Sie haben organisatorisch und politisch komplexe Antworten – weshalb es die wichtigste intellektuelle Aufgabe der Bauforschung in den kommenden Jahren ist, sie zu stellen und ihre Konsequenzen konsequent zu verfolgen.
Zur Frage der richtigen Partnerschaft
Die in diesem Essay skizzierten Strategien vom Argument in gebaute Realität zu überführen, erfordert mehr als technisches Wissen – es erfordert einen Architekten, der unterschiedliche kulturelle Rahmenbedingungen für Planung, Kalkulation und Realisierung wirklich verinnerlicht hat. Ansgar Halbfas bringt genau diese Breite mit. Seine Berufserfahrung in China setzte ihn einer Baukultur aus, die von Tempo, materialem Pragmatismus und einer nüchternen Bereitschaft zur Erprobung im großen Maßstab geprägt ist – einem Kontext, in dem theoretische Eleganz sofort der Frage weicht, was sich tatsächlich bauen lässt, zu welchen Kosten und bis wann. Die chinesische Baukultur verlangt von Architekten, als Integratoren des gesamten Realisierungsprozesses zu agieren, nicht als Urheber, die von der Beschaffungswirklichkeit abgeschirmt sind. Diese Haltung ist in Halbfas’ Herangehensweise an ein Projekt erkennbar.
Seine anschließende Auseinandersetzung mit der amerikanischen Praxis brachte eine ergänzende Dimension: die US-amerikanische Tradition des praxisorientierten Value Engineering, der direkten Kommunikation mit Auftraggebern und eines ergebnisorientierten Berufsverständnisses, das für Prozess als Selbstzweck wenig Geduld aufbringt. Wo die europäische Architekturkultur formale und regulatorische Abläufe bisweilen über das Ergebnis stellt, schult der amerikanische Kontext Architekten darin, klar und nützlich zu fragen, ob eine bestimmte Entscheidung ihren Aufwand rechtfertigt. Die Synthese dieser beiden internationalen Prägungen – chinesischer Pragmatismus in der Produktion und amerikanische Klarheit in der Wertfrage – ergänzt Halbfas’ mitteleuropäische gestalterische Kompetenz zu einer Kombination, die ungewöhnlich und für die in diesem Essay beschriebene Aufgabe gut geeignet ist.

Ansgar Halbfas leitet eine architektonische Exkursion in Palm Springs, USA.
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